Wenn Mariel einen Wutanfall bekommt, ist dieses Wort als Beschreibung für den darauffolgenden, anhaltenden Zustand nicht ansatzweise ausreichend. Über Stunden befindet sie sich in einem emotionalen Strudel aus Wut, Gewalt, Tränen, Hilflosigkeit und leidet unter maximalem Kontrollverlust. Was ihre Mutter beschreibt, kann man sich vermutlich niemals richtig vorstellen, wenn man es nicht einmal selbst miterlebt hat.
Seit Mariel ungefähr 1,5 Jahre alt ist, durchlebt sie regelmäßig solche Anfälle. Schon als Kleinkind dauerten ihre emotionalen Ausnahmezustände bis zu zwei Stunden an. Mittlerweile ist Mariel 12, im Sommer wird sie 13. Zuletzt hatte sie in besonders schlimmen Phasen zwei bis drei Wutanfälle wöchentlich, die sich bis zu drei Stunden hinziehen konnten. Doch mithilfe von Therapiepferd Juli ist es Mariel in den letzten Monaten gelungen, ihre Emotionen immer besser zu steuern.
Seit rund einem Jahr geht das junge Mädchen regelmäßig zur Reittherapie. Für Mariel war und ist dies die erste Maßnahme, die ihr wirklich geholfen hat. Bei ihr wurde unter anderem eine Anpassungsstörung diagnostiziert. Mariel kann ihre Gefühle nicht regulieren. Sie ist ein sehr emotionaler Mensch, dem zwar schnell die Freudentränchen kommen, doch genauso schnell schlägt es auch in die andere Richtung um. Bei der kleinsten Überforderung, sobald etwas nicht wie erwartet funktioniert, verliert Mariel die Fassung und rastet wortwörtlich aus. In einem solchen Ausnahmezustand ist sie vollkommen außer Kontrolle. Sie schreit ohrenbetäubend laut, weint, schlägt um sich, wird beleidigend, randaliert, verletzt sich selbst, sucht Nähe, kann sie aber nicht ertragen und stößt jeden weg. In diesen Extremsituationen steht Mariel völlig neben sich. Sie ist in gewisser Weise apathisch und kann sich im Nachhinein an nichts mehr erinnern.
„Ich erkenne meine Tochter in diesen Momenten überhaupt nicht wieder“, sagt ihre Mutter über Mariel, die eigentlich ein absolut liebenswürdiges, freundliches, junges Mädchen ist. Sie haben alles Mögliche ausprobiert, um Mariel zu helfen: Sport, Entspannungstechniken, Konsultationen bei verschiedenen Ärzten, Gesprächstherapien – nichts half ihr im Umgang mit ihren Gefühlen weiter. Je größer und älter Mariel wurde, desto weniger war ihre Mama den Kämpfen und Wutanfällen gewachsen. „Ich habe inzwischen nicht mehr die körperliche Kraft, sie festzuhalten“, schrieb sie uns im letzten Sommer. Und auch seelisch war es für sie als Mama kaum noch auszuhalten. „Es ist ein unglaublich schlimmes Gefühl, dem eigenen Kind nicht helfen zu können.“
Aufgrund der sich immer weiter zuspitzenden Situation suchten sie lange Zeit nach einem Therapieplatz. Doch entweder stand Mariel erfolglos auf jeglichen Wartelisten oder die Therapeut*innen meldeten zurück, dass sie für ihre Behandlung nicht speziell ausgebildet seien. Eine absolut frustrierende und ausweglose Situation für Mariels Mama, die sich schließlich erneut selbst auf die Suche nach Alternativen machte.
Ganz in ihrer Nähe fand sie den Pferdehof von Tanja und Marie. In Tanja fand Mariels Mama den ersten Menschen, der ihre Situation wirklich nachvollziehen konnte. Und in Marie, ihrer psychologischen Betreuerin vor Ort, fand Mariel eine enge Vertrauensperson. So begann Mariel ihre Reittherapie, dank der endlich alles anders wurde. „Ich sah mein Kind zum ersten Mal im Leben so richtig aufblühen“, erzählt ihre Mutter. „Nach manchen Therapiestunden war sie regelrecht tiefenentspannt.“ Auf dem Therapiehof geht es nicht nur ums Reiten, sondern viel mehr um die emotionale Beziehung zum Tier, begleitet durch tiefgründige Gespräche. „Pferde sind sehr sensible Wesen, die menschliche Emotionen spiegeln und auf nonverbale Weise darauf reagieren können. Diese Eigenschaften haben Mariel bereits enorm geholfen, ihre Emotionen besser zu verstehen und vor allem zu regulieren“, erklärt ihre Mutter. „Mariel lernte die Körpersprache ihres Lieblingspferdes Juli zu lesen und darauf feinfühlig zu reagieren. An manchen Therapiestunden darf ich als Mama und stiller Beobachter teilnehmen. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, meine Tochter bei den Pferden so ausgeglichen und glücklich zu erleben.“
Inzwischen ist Therapiepferd Juli zu Mariels bestem Freund geworden und Pferde ihre absoluten Lieblingstiere. Dank der kontinuierlichen Reittherapie gelingt es der Kleinen immer besser, ihre (aufkommenden) Emotionen zu erkennen, zu regulieren und zu kontrollieren. Sie ist noch immer nicht vollständig stabil im Umgang mit ihren Gefühlen, aber meistert frühere, alltägliche Trigger-Situationen inzwischen fast vollständig ohne Wutanfälle. Das gesamte Familienleben beginnt, sich allmählich wieder zu entspannen. Auch Mariels Mama kann aus der Reittherapie wertvolle Kraft schöpfen. Denn die Inhaberinnen Tanja und Marie stehen ihr auch außerhalb der Reitstunden zur Seite und unterstützen sie in kritischen Momenten.
Im letzten Juni hatten wir Mutter und Tochter die Kostenübernahme für zehn Monate Reittherapie zugesagt. Gerade erst konnten wir Mariel und ihrer Mama mit einer frohen Botschaft erneut eine kleine Freude machen: Wir finanzieren die wertvollen Stunden für Mariel noch einmal und übernehmen auch die Therapieeinheiten für den Rest dieses Jahres.